Tourette Gesellschaft Schweiz

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Leidensweg eines Tourette-Betroffenen

Seit 30 Jahren leide ich am Tourette-Syndrom. Es begann mit Tics und Wortrepetitionen im Kindheitsalter. Die ersten Therapien begannen im Alter von 12 Jahren. Seither habe ich alles durchgemacht was man eben als Tourette-Patient durchmacht. Mehrere Psychologen, Psychiater, Neurologen, Neurochirurgen, Parapsychologen, 35(!) Sorten Medikamente, 6 x Klinikaufenthalt, verschiedene Schulbildungen, meist abgebrochen, oder nicht anwendbar, etwa 5 Selbstmordversuche. 
Bis im Alter von 25 Jahren verdiente ich mein Geld noch selber in einem Lebensmittelgeschäft, bis diese im 1986 "jetzt ist Schluss" sagten. Es hiess, ich bräuchte eine Rente, da es auch Unfälle gab und ich neben Störungen auch die Leistung nicht mehr vollbrachte.
Informationen von eure Homepage bekam ich von einer ehemaligen Schulkollegin, die alleinerziehende Mutter ist und als KV Angestellte umstieg auf den Beruf Sozialarbeiterin. Die Leiterin der Behindertenwerktätte, wo ich seit bald einem Jahr arbeite oder zumindest versuche, nach 15 Jahren rumhängen das Arbeiten wieder zu "lernen", meinte, ich solle mit Ihnen Kontakt aufnehmen. Als ich vor kurzem die Informationen eurer Homepage von meiner Kollegin bekam, war ich zuerst einmal völlig paff, als ich las, es habe Menschen die Ähnliches wie ich durchmachten. Ich war mich gewohnt, immer etwas Exotisches zu sein, in Schulen, Therapien oder Kliniken, weil das Tourette-Syndrom in der auffälligen Form wie bei mir sehr selten ist.
Ich habe sexuelle und andere Zwangsvorstellungen, zucke, spreche oft laut und manchmal obszön mit mir selbst, habe Schreikrämpfe, Angstzustände und einen krankhaften Wissensdrang, durchzudrehen, wenn ich etwas nicht verstehe. Medikamente habe ich seit 11 Jahren von meinem Psychiater: Valium, Nozinan + Haldol, in mittelstarker Dosierung. Die letzte Klinikeinweisung war vor 15 Jahren. Ich erfuhr von meiner Krankheit, dass sie eben TS heisst und ich sie habe, im 1981 bei meinem 4. Klinikaufenthalt. Jahrelang rannte ich vergeblich Informationen nach, verliess mich auf die Angaben im Pschyrembel, dem Medizinerlexikon, der Lebenslauf mit der ganzen Krankheitsgeschichte wurde auch deswegen erstellt, um einem Neurochirugie-Professor vom Unispital ZH eine Operation abzuringen, was aber dann von Seiten des Spitals abgelehnt wurde, weil man befürchtete, ich wäre nachher im Rollstuhl.
Ich lebe in einem schalldicht isolierten Zimmer im Elternhaus und habe, dank der Werkstätte hier seit einem Jahr aufgehört zu trinken und rauchen. Auch habe ich etwas weniger Angst vor Leuten, kann mich aber immer noch nicht frei bewegen unter Leuten, ich falle auf.
An einer Selbsthilfegruppe habe ich grosses Interesse, aber auch grosse Angst vor Enttäuschung, ich weiss auch nicht, wie das bei Euch funktioniert, mit dem Kontaktaustausch und ev. Treffs. Von der Psychiatrie her weiss ich nur, dass es damals anno 1980 puncto Treffs und Kontakten alles im Autonomen Jugendzentrum versandete, leider, und es schwierig war, etwas zu finden, und ich mich dann in resignierter Einsamkeit zurückzog, bis in eine 200-jährige Bruchbude auf der Rigi (Einsiedler). Für Fr. 300.-- im Monat lebte ich wie in einem Stall, unter erbärmlichen Bedingungen, bis ich wieder zu meinen Eltern zurückging im Jahre 1988. Leider fand ich bis jetzt keine Stelle mehr, bis ich mich entschloss, in die Werkstätte einzutreten.

Ch. K, Jahrgang 1960