Tourette Gesellschaft Schweiz

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Traum eines Touretters

von Hermann Krämer

In einer Nacht im September 2002 hatte ich folgenden Traum:

Ich begab mich auf eine Reise, um ein paar Tage Urlaub zu machen. Nachdem ich einige Zeit unterwegs und so schien es mir, fast am Ziel angekommen war, mußte ich mit meinem Gepäck noch eine Anhöhe hinauf. Oben angekommen, führten mich ein paar Steinstufen zu einem metallenen Korb, der für das Übersetzen über eine Schlucht zu meinem Ferienhaus vorgesehen war. Ich kletterte hinein und verstaute mein Gepäck. Der Metallkorb hatte auf beiden Seiten zwei Stahlrollen, durch die ein Stahlseil hindurchgeführt war, um den Transport auf die andere Seite zu ermöglichen. Mit einem ganz normalen weiteren Seil, zog ich mich mit beiden Händen Stück für Stück auf die andere Seite. Die Strecke, die ich überwinden mußte, war nicht lang, aber sie führte über einen tiefen Abgrund, so tief, dass ich den Boden nicht mehr sehen konnte. Mir wurde schwindelig und ich hatte große Angst abzustürzen. Nur mit Mühe erreichte ich die andere Seite. Zitternd kletterte ich aus dem Metallkorb. Mit meinem Gepäck mußte ich nun noch ein paar weitere Stufen hinauf und stand dann vor einem kleinen Ferienhaus. Die Türen standen offen, ich ging hinein und sah mich um. Es war sehr schön eingerichtet, ich begann mich wohl zu fühlen. Für kurze Zeit konnte ich mich entspannen, doch als ich aus dem Fenster schaute, bemerkte ich wieder diesen Abgrund, der mir vorher schon große Angst gemacht hatte. Das kleine Ferienhäuschen befand sich auf einer Insel in der Luft und in den Wolken. Ich packte meine Kleider aus und schaute danach in alle Zimmer. Vor dem Haus war ein kleiner Vorplatz, auf dem ein altes Auto aus den 20er oder 30er Jahren stand. Ich traute meinen Augen nicht, denn darin saß ein Mann, der es sich sichtlich gemütlich gemacht hatte und der lässig ein Bein aus dem Fahrerfenster heraushängen ließ. >Was tun Sie hier, wer hat Ihnen erlaubt sich hier aufzuhalten? Ich habe das Haus hier angemietet, Sie haben hier nichts zu suchen<, sagte ich voller Empörung! Er erwiderte: >Ich lebe schon lange hier, habe keine andere Bleibe und wüsste auch nicht, wo ich sonst hingehen sollte. Ich habe es mir hier gemütlich gemacht, sitze tagsüber in diesem Auto in der Sonne und nachts schlafe ich im Keller dieses Hauses<. Voller Wut schreie ich ihn an mit den Worten: >Gehen Sie, aber sofort! Ich will Sie hier nicht mehr sehen!< Kurz darauf erwache ich ....

Versuch der Interpretation:

Der Abgrund, der auf dem Weg zu meinem Ferienhaus zu überwinden war, symbolisiert für mich die Angst vor den seelischen Abgründen meiner Tourette-Erkrankung, die es zu über-winden gilt. Die Befürchtung abzustürzen steht für die Angst, durch die Herausforderungen meines Tourette-Syndroms >abzustürzen< und an meinem Schicksal zu zerbrechen.

Der unerwünschte Gast in >meinem Haus< symbolisiert mein Tourette-Syndrom, das sich ungefragt in meinem Leben eingenistet hat und bisher nicht dazu zu >bewegen< war, sich zu entfernen. In der Verärgerung über die Anwesenheit des Fremden kommt in diesem Zusammenhang die Empörung über meine Tourette-Erkrankung zum Ausdruck.

Fazit:

Grundsätzlich macht mir dieser Traum keine Angst, sind doch Träume ein Spiegelbild der unmittelbaren Lebenssituation sowie der Gefühle und der Erwartungen des Träumenden. Erstaunt bin ich jedoch immer wieder über die symbolhafte Traumsprache des geheimnisvollen Konstrukteurs dieser Träume, der sich – fast könnte man meinen - in unserer Seele versteckt hält und uns von Zeit zu Zeit in seine Bilderwelt entführt.

© Copyright Hermann Krämer – 67346 Speyer – Germany – May 2003