Pressestimmen
<< Zurück zu den Pressestimmen
Web.de 15. August 2003: Zucken und Schreien ist für Tourette-Kranke normal
Brakel (dpa) - Nikolai Nolte ist sechs Jahre alt, als sich die ersten Symptome seiner Krankheit zeigen. Der Junge verdreht häufig die Augen, beim Spielen gibt er unerklärliche Laute von sich. Nikolais Mutter reagiert besorgt. Sie geht zum Arzt. Doch auch der weiss keine Erklärung. Mit acht Jahren kommen zu den vorhandenen Symptomen laute Schreie hinzu.
Doch es vergehen weitere fünf Jahre, bis die Krankheit endlich diagnostiziert wird: Nikolai hat das Tourette-Syndrom - eine neuropsychiatrische Erkrankung, die sich in Form von Ticks äussert.
Augenblinzeln und Kopfrucken, laute Schreie und unvermittelt ausgestossene Beleidigungen: Nikolai leidet vor allem während der Pubertät an stark ausgeprägten vokalen und motorischen Ticks. Mal mehr, mal weniger. «Beeinflussen kann ich das nicht», erklärt er gelassen und trinkt einen Schluck Kaffee. «Und vollständig unterdrücken auch nicht.» Wie zum Beispiel den Zwang, dünnes Glas zu zerbrechen oder eine Tasse mit lautem Knall auf dem Tisch abzusetzen. «Ich kann dieses Bedürfnis 20, vielleicht auch 30 Sekunden lang unterdrücken - aber dann muss es raus», schildert der heute 21-Jährige sein Krankheitsbild. Nur so fühle er sich «wieder gut».
Ähnlich wie ihm geht es laut einer Schätzung der Tourette-Gesellschaft Deutschland rund 40 000 Menschen bundesweit. Doch nicht alle zeigen die gleichen Symptome. «Das Tourette-Syndrom ist klinisch sehr vielfältig», erklärt Kirsten Müller-Vahl, Fachärztin für Neurologie. Genau das mache eine Therapie so schwierig. «Man kann immer nur einzelne Symptome behandeln», sagt die Ärztin. Medikamente - vor allem Psychopharmaka -seien bei der Therapie das wichtigste Hilfsmittel. Dadurch können Ticks gedämpft werden, sie rufen aber manchmal Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Lustlosigkeit und Gewichtszunahme hervor.
«Es wird immer noch fieberhaft nach neuen Therapien gesucht», berichtet Müller-Vahl. Sie selbst führte im Jahr 2000 eine Studie mit dem Cannabis-Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol) durch. «Tourette-Patienten berichteten häufig, dass sie nach Konsum von Cannabis eine deutliche Verbesserung der Symptome erlebten.» Nach Angaben von Müller-Vahl zeigt das Ergebnis, dass sich THC und unter kontrollierten Bedingungen vermutlich auch Cannabis zur Behandlung des Tourette- Syndroms eignen und eine Alternative zu Psychopharmaka bieten können. Die Neurologin steht Betroffenen nicht nur im Rahmen der Forschung, sondern auch als Ansprechpartnerin zur Seite. Sie zählt zum wissenschaftlichen Beirat der Tourette-Gesellschaft Deutschland, die sich seit zehn Jahren bundesweit für Patienten mit Tourette-Syndrom einsetzt.
Zur Gesellschaft zählten derzeit rund 1000 Mitglieder - darunter auch Nikolai Nolte. Bei ihm hat die Krankheit einen positiven Verlauf genommen. «Seit dem 18. Lebensjahr haben sich die Symptome stark gebessert. Ich habe nur noch leichte Ticks und Zwänge und leide an Konzentrationsstörungen», berichtet er. Damit könne er gut leben. Dennoch gibt er nach kurzem Schweigen zu, dass die Krankheit immer noch einen starken Einfluss hat und sich die Zwänge in manchen Wochen oder Monaten verstärken.
«Nach dem Fachabitur habe ich angefangen, Sozialarbeit zu studieren. Und jetzt merke ich, dass ich dabei an meine Grenzen stosse», gesteht der 21-Jährige. «Die Konzentrationsstörungen erschweren das Lernen. Deshalb bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich das Studium schaffen werde.» Doch Nikolai will erstmal ruhig bleiben. Das Tourette-Syndrom sei schliesslich unberechenbar: «Je älter man wird, desto schwächer können die Symptome werden», sagt er.