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Wochen-Zeitung für das Emmental und Entlebuch, Donnerstag, 8. September 2005

STEINEN: Tics machen Joels Leben schwer
Joel Gerber muss mit dem seltenen Tourette-Syndrom zurechtkommen

08.09.2005 Ob klettern, Fussball spielen oder hornussen, Joel Gerber bewegt sich gerne. Auf die Note 6 im Turnen ist er stolz. Doch der 12-Jährige kennt auch die Schattenseiten des Lebens. Das Tourette-Syndrom zwingt ihm Tics auf, denen er ausgeliefert ist.

Silvia Ben el Warda-Wullschläger

Bild von Joel Gerber im Baum Tiger sind die Lieblinge von Joel, egal ob die Raubkatze oder jene auf dem Eishockeyfeld. Entsprechend ist sein Zimmer in seinem Elternhaus in Steinen dekoriert. Aber auch Bücher, Autos und überhaupt die Technik findet der Sechstklässler faszinierend. Vollends in seinem Element ist er, wenn er sich bewegt. Er klettert auf Bäume, spielt Fussball, fährt Velo oder übt sich im Hornussen – ein lebhafter Junge eben. Dass er oft die Augen zusammendrückt und den Mund verzieht oder mit den Armen zuckt, bemerkt Joel kaum.

«Die Betroffenen nehmen ihre Muskelzuckungen oder Lautäusserungen erst wahr, wenn sie schon in der Ausführung begriffen sind, manchmal nicht einmal dies.»*

Es war die Mutter Therese Gerber, der die seltsamen Zuckungen und Grimassen ihres Sohnes auffielen. «Eine Zeitlang hatte ich Angst, dass Joel verdummt», erinnert sie sich. Kein Arzt fand heraus, was mit ihm los war. Erst eine Fernsehsendung brachte die Eltern auf das Tourette-Syndrom (siehe Kasten), was die Ärzte schliesslich bestätigten. «Es war eine grosse Erleichterung zu wissen, was mit Joel los ist.»

«Oft bemerken Kinder ihre Tics anfangs selber gar nicht. Es sind meistens die Mütter, die aufmerksam werden, sich gestört fühlen, sich Sorgen um das Kind machen und überlegen, ob sie Erziehungsfehler gemacht haben.»

Schwer vorstellbar
Als Joel zehn Jahre alt war, wurde es schlimmer. Immer mehr Tics traten auf: schreien, hüpfen, spucken, sich selber Ohrfeigen, den Kopf auf dem Teppich reiben, Wände ablecken, die heisse Herdplatte berühren bis hin zum Ausstossen schlimmer Wörter. «In dieser Zeit musste ich ständig hinter ihm her sein und zu ihm schauen wie zu einem zweijährigen Kind. Er hätte sich selber gefährdet», erzählt die Mutter. Auch im Schlaf kam (und kommt) Joel nicht zur Ruhe. So hat er sich ständig in die Backe gebissen, bis diese innerlich wund war. «Wer es nicht selber, hautnah, miterlebt, kann sich nicht vorstellen, wie leidvoll und schwierig es ist», sagt Therese Gerber. Eine Zeitlang nahm Joel Medikamente, welche die Tics zwar hemmten, die Nebenwirkungen, vorab die enorme Müdigkeit, waren aber stark.

«Viele Nicht-Betroffene können sich nicht vorstellen, dass diese Handlungsweisen und Lautäusserungen tatsächlich unwillkürlich sind. Manche Personen fühlen sich durch die Tics provoziert.»

Joel musste schon viele Hänseleien ertragen. Die wahren Freunde sind rar geworden. Auch in der Schule nahmen die Schwierigkeiten zu. Therese Gerber hat es getroffen, dass viel hinten herum geredet wurde. Sie merkte, dass viele Eltern Joel von der Schule weg haben wollten. «Das hat sich vor allem in der 5. Klasse verstärkt, als es um die Sekvorbereitung ging.» Joel habe immer mehr Ablehnung erfahren, die schulischen Leistungen liessen markant nach. Auch den Satz «du kannst deine Kinder nicht erziehen» musste sich die Mutter anhören. Das schmerzt. «Ein solches Kind zu erziehen ist schwierig. Wie soll ich immer genau merken, wann er einen Tic hat und wann er etwas extra macht?»

«Nicht selten bewirkt das Tourette-Syndrom, dass die Kinder ausgelacht und zurückgewiesen werden, sich Nachbarn, Lehrer und andere Personen über die Kinder beschweren, den Eltern Vorwürfe machen. Das Kind kann zunehmend aus dem seelischen Gleichgewicht geraten. Die Eltern sind einer Gratwanderung zwischen erzieherischer Notwendigkeit, verständnisvollem Umgang und Überbehütung ausgesetzt.»

Wechsel in die Kleinklasse
Heute besucht Joel die sechste Klasse in der Kleinklasse A in Signau. Die Mutter ist damit nicht einverstanden, sie hätte ihren Sohn lieber in der Schule im Hübeli gelassen. «Seine wenigen Freunde sind dort. Jetzt sieht er die noch weniger.» Auch Joel hat sich noch nicht an die neue Umgebung gewöhnt. «Ich würde gerne wieder zurück gehen.» Er fühlt sich unterfordert, das, was er bisher dort gelernt habe, wisse er schon.

«Kinder mit einem Tourette-Syndrom besitzen etwa die gleichen geistigen Leistungsfähigkeiten wie andere Kinder ihres Alters. Dennoch haben sie oft Lernschwierigkeiten. 50 bis 60 Prozent von ihnen sind auch von einem Hyperkinetischen Syndrom betroffen. Hier muss für jedes einzelne Kind eine passende Lösung gefunden werden.»

Hoffen auf Verständnis
Therese Gerber findet es wichtig, die Öffentlichkeit über das Tourette-Syndrom zu informieren. Sie hofft, dadurch auf mehr Verständnis zu stossen. Sie wünscht sich, dass ihr Sohn wieder unbeschwert in die Schule gehen kann, dass er mehr Freunde findet. Und Joel? Er hofft, dass sein Berufswunsch trotz allem einmal in Erfüllung geht: Feuerwehrmann.

«Die Umgebung sollte versuchen, die Krankheit zu verstehen. Dann kann man erkennen, dass hinter den ins Auge springenden Tics interessante Persönlichkeiten stecken, die genauso ernst genommen werden wollen, wie andere auch; mit denen man genauso umgehen kann und soll wie mit anderen Personen des Umfeldes.»

* Die Zitate in kursiver Schrift stammen von der Deutschen Tourette-Gesellschaft, www.tourette.de.

Das Tourette-Syndrom
sbw. Das Tourette-Syndrom (TS) ist eine neuropsychiatrische Erkrankung, die durch Tics charakterisiert ist. Bei den Tics handelt es sich um unwillkürliche, rasche, meistens plötzlich einschiessende Bewegungen, die immer wieder in gleicher Weise auftreten können (zum Beispiel Grimassieren, Armzucken, Tritte, Hüpfen, Werfen, Knabbern, Kopf schlagen, Zunge heraus strecken, Küssen, Bücher zerreissen). Zu den Tics zählen auch plötzlich einsetzende und zwecklose Lautproduktionen (zum Beispiel Schreien, Pfeifen, Schmatzen, Spucken, Schnauben, obszöner und aggressiver Wortausstoss, Wiederholung von Lauten). Diese Tics sind nicht zu verwechseln mit Marotten, die nach Tagen oder Wochen von selber verschwinden.

Ursache ist unbekannt
Viele Personen, die vom Tourette-Syndrom betroffen sind, können die Tics für Sekunden oder Stunden hinausschieben. Meist ist der Drang nach der Ausübung der Tics aber so stark, dass er dann doch stattfinden muss (vergleichbar mit dem Drang zum Niesen oder zu einem Schluckauf). Die Ursache des Tourette-Syndroms sind bis jetzt nicht gefunden, obwohl Forschungsergebnisse dafür sprechen, dass ein gestörter Stoffwechsel von zumindest einer chemischen Substanz im Gehirn vorliegt (Dopamin). In Zusammenhang mit Tics können zahlreiche begleitende psychische Störungen beobachtet werden wie Angst, Depression, Entwicklungs- und Zwangsstörungen.

Mehr Tics in Pubertät
In der Schweiz müssen etwa 4000 Personen mit einem TS leben. Leider gibt es bis heute keine Aussicht auf Heilung. Einige Medikamente (Psychopharmaka) sowie die Verhaltenstherapie können die Symptome abschwächen. Die Krankheit beginnt meistens um das 7. Lebensjahr. Die Tics verstärken sich während der Pubertät, um zwischen dem 16. und 26. Lebensjahr wieder nachzulassen. Bei einigen Personen verschwinden die Tics vollständig, andere müssen ein Leben lang damit zurechtkommen.

Weitere Informationen erteilt: Tourette-Gesellschaft, Postfach 533, 6343 Rotkreuz, Telefon 041 320 07 41, www.tourette.ch